Ein gelber Achteckturm am südlichsten Zipfel Skandinaviens. Früher versorgte er den Ort mit Wasser – heute steigst du hinauf und blickst bei klarer Sicht bis nach Rostock.
Wenn du mit der Fähre in Gedser ankommst, fällt er dir schon von Weitem auf: ein schlanker, ockergelber Turm mit weißer Balustrade und einem Dannebrog auf der Spitze. Der Wasserturm steht mitten im Ort, an der Danmarksgade, und ist eines der wenigen wirklich alten Bauwerke in Dänemarks südlichster Stadt. Gebaut wurde er 1912 – gut zwei Jahrzehnte, nachdem 1886 die erste Fährverbindung nach Rostock eröffnete und aus dem Fischerdorf ein Fährhafen wurde.
Hinter dem Turm steckt ein Name, der auf Lolland-Falster oft auftaucht: Architekt Alf Jørgensen. Er entwarf gleich mehrere Wassertürme der Region, und dem Gedser Turm sieht man seine Handschrift an – acht Kanten, nach oben leicht verjüngt, oben eine offene Galerie. Das Baumaterial war für 1912 modern: Eisenbeton. Ganze 18,5 Meter misst der Turm, im Bauch fasste der Behälter 46 Kubikmeter Wasser. Genug, um Gedser mit Trinkwasser zu versorgen.
54 Jahre lang tat der Turm seinen Dienst. 1966 war Schluss: Gedser und das nahe Gedesby bauten gemeinsam ein neues Wasserwerk, der alte Turm wurde überflüssig. In vielen Orten wäre so ein Bauwerk dann abgerissen worden. In Gedser kam es anders.
1994 kaufte der Verein „Vandtårnets Venner“ – die Freunde des Wasserturms – das Gebäude für eine symbolische dänische Krone. Seither kümmern sich Freiwillige um Erhalt und Öffnung. Sie haben den Turm hergerichtet, im Inneren Ausstellungen eingerichtet und die Galerie oben für Besucher zugänglich gemacht. Rund 4.000 Menschen steigen inzwischen pro Jahr hinauf. Für einen Ort mit ein paar hundert Einwohnern ist das eine Menge.
Der eigentliche Grund hinaufzusteigen ist der Rundblick. Gedser liegt am äußersten Südzipfel Skandinaviens, und von der Galerie geht der Blick weit über flaches Land und offenes Wasser. Bei richtig klarer Sicht erkennst du im Süden die höchsten Gebäude von Rostock und Warnemünde – also genau die Küste, von der die Fähre kommt. Zwei Länder in einem Blick, das schafft kaum ein anderer Punkt auf Falster.
Nach Süden liegt vor der Küste die Sandbank Rødsand. Mit einem Fernglas entdeckst du dort mit etwas Glück Seehunde, die sich bei Niedrigwasser auf den Sand legen. Und weil Gedser Odde einer der wichtigsten Zugvogel-Rastplätze Nordeuropas ist, hast du im Frühjahr und Herbst über dem Wasser fast immer Vögel in der Luft.
Eisenbeton-Turm von Architekt Alf Jørgensen, 18,5 m hoch, achteckig
1994 vom Verein „Vandtårnets Venner“ gekauft und erhalten
Bei klarer Sicht bis Warnemünde, dazu Seehunde auf Rødsand
Rund 4.000 Besucher im Jahr, Ausstellungen im Inneren
Der Wasserturm ist keine Attraktion, für die du extra nach Gedser fahren musst. Er ist ein kurzer, feiner Stopp – zehn, fünfzehn Minuten oben, ein Blick nach Deutschland, fertig. Sein Reiz liegt in der Lage und in der Geschichte des Vereins, der ihn am Leben hält. Am meisten hast du davon, wenn du ihn mit dem Rest von Gedser Odde verbindest: dem Leuchtturm ganz an der Südspitze, den Vögeln am Gedser Odde und einem Teller geräuchertem Fisch in der Gedser Räucherei am Hafen. Zusammen ergibt das einen richtig schönen halben Tag am Ende der Welt.
Von Rostock bringt dich die Fähre in rund zwei Stunden direkt nach Gedser. Der Wasserturm, der Leuchtturm und die Südspitze Skandinaviens liegen dann nur ein paar Schritte vom Hafen entfernt.
Fähre buchen Mehr zur FähreBildnachweise: Hero/OG-Foto „Gedser Vandtårn“: Foto „Gedser Vandtårn“ von William John Gauthier, CC BY-SA 2.0 via Wikimedia Commons (skaliert, in WebP konvertiert). · Vollständige Übersicht unter /bildnachweise.html.